Nach einem Studium der modernen Literaturwissenschaft an der Universität nahm ich eine Stelle als Sekretärin in einer Notariatskanzlei an. Eine solide Stelle an einem seriösen Ort.
Dort lernte ich meinen Mann kennen.
Laurent… mein Mann, mein Fels, der Vater meiner Kinder. Ein ruhiger, wohlwollender Mann von absoluter Treue. Keine brennende Leidenschaft, nein, aber eine sanfte, beständige, verlässliche Geborgenheit. Ich liebte diese Form stiller Liebe. Wir hatten drei Kinder, ein volles, gelebtes Leben: ein helles Haus, Urlaube in der Bretagne, Erinnerungen in Alben mit goldenen Ecken. Ich hörte auf zu arbeiten, um mich um meine Familie zu kümmern, wie es sich selbstverständlich gehörte. Was man „Pflicht" nennt, war für mich eine Form der Liebe.
Und dann das Leben.
Ein Teil von mir hatte sich ein wenig zurückgezogen, meine Weiblichkeit vielleicht, aber sie kehrte zurück, schüchtern, mit den Jahren. Wieder arbeiten zu gehen und Laurents Alltag bis zu seiner Rente zu teilen, war eine schöne Zeit der Vertrautheit zwischen uns.
Die Sexualität war bei uns nie ein Sturm. Eher ein zartes Ritual, etwas vorhersehbar, oft kurz. Es gab wenig Raum für das Unerwartete. Und damals wusste ich nicht, dass es auch anders hätte sein können.
Als Laurent erkrankte, kam alles zum Stillstand. Die Reisen, die wir geplant hatten, die Abendessen, das Lachen.
Ich habe ihn bis zum Ende gepflegt, und er ging 2020.
Ich blieb in diesem Haus zurück, das zu still geworden war. Die Kinder flogen aus und ich musste lernen, mit meiner Trauer und meinen sorgfältig gefalteten Erinnerungen zu leben.
Mit 55 Jahren hätte ich nicht gedacht, dass noch etwas beginnen könnte.
Und doch…
An einem Sommerabend feierten wir auf der Terrasse meinen Geburtstag mit meinen Freundinnen. Nach einigen Gläsern Wein begannen die Gespräche sich sanft zu lösen. Sie sprachen über Sexualität, über intime Lust, über jene Freiheit, die sie sich schenkten, wenn sie allein waren.
Spielzeug für Erwachsene, „elegante Sextoys", wie sie sagten, die nichts mehr mit den Klischees von einst zu tun hatten.
Ich lächelte verschmitzt.
Dann sah mich eine von ihnen mit zärtlicher Schelmerei an:
„Hast du dir schon einmal allein Lust gemacht, Nathalie?"
Ich zuckte mit den Schultern und glaube, ich murmelte ein „nicht wirklich", das bedeutete: niemals.
Sie lachten, zärtlich. Aber in ihrem Lachen lag weder Spott noch Verlegenheit.
Es lag jene stille Gewissheit darin, dass es niemals zu spät ist.
Einige Tage später wartete ein Paket auf meiner Türschwelle.
Eine schlichte, diskrete Schachtel, und darin ein kleines Kärtchen: « Wir wünschen dir einen ganz, ganz fröhlichen Geburtstag. »
Der Sommerbriefträger, ein junger Mann mit gebräuntem Teint, schenkte mir ein offenes Lächeln und wünschte mir einen schönen Tag. Er trug ein weißes, eng anliegendes T-Shirt über seinem muskulösen Oberkörper. Mir wurde heiß, ganz plötzlich, eine unerwartete, jugendliche Wärme.
Mit Eifer und Neugier betrachtete ich den Inhalt des kostbaren Pakets genauer.
Darin ein kleiner schwarzer Gegenstand.
Man hätte es für einen Lippenstift halten können, aber nein. „Klitoris-Stimulator Air Pulse - Pro 2 Kiss" der Marke Satisfyer, gekauft auf der Website 1969. Ein Augenzwinkern meiner Freundinnen. Es war ein Klitoris-Stimulator, diskret.
Eines jener Lustobjekte, über die sie gesprochen hatten.
Ich packte das Spielzeug mit glühenden Wangen aus, während ich aus dem Augenwinkel sah, wie der Lieferant mit seinem Lastwagen wendete.
Ich ging nach oben.
Ich schloss die Tür ab, mehr aus Reflex als aus Notwendigkeit.
Das Haus war leer, aber in mir brodelte alles.
Ich glitt unter das Laken, das kleine Objekt in der Hand. Ein kurzer Blick auf die Gebrauchsanweisung, und ich drückte auf den Knopf.
Es vibrierte sanft, wie ein Geheimnis, das sich bereit macht, sich zu öffnen.
Ich zögerte. Dann legte ich ihn auf mich, oder vielmehr, auf meine Klitoris.
Zunächst war es ein Schauer, leicht, ein Hauch auf der Haut.
Dann eine Wärme, diffus, langsam, beharrlich.
Eine sanfte Spannung begann, an meinen Beinen aufzusteigen, meinen Bauch auszuhöhlen, meinen Busen zu heben.
Ich schloss die Augen.
Mein Körper entglitt mir, und doch war ich noch nie so gegenwärtig gewesen.
Als die Welle aufstieg, dachte ich, ich würde zerbrechen.
Aber nein.
Ich brach zusammen, ja, aber in einer Art von Gewissheit.
Mein erster Orgasmus. Mein wahrer erster.
Jener, den ich mir selbst geschenkt hatte, allein.
Jener, auf den ich gewartet hatte, ohne es zu wissen.
Ich blieb dort, reglos, die Augen feucht, das Herz klopfend.
In diesem Moment hatte es eine Art nackter Wahrheit gegeben.
Und eine Sanftheit, die ich nirgendwo sonst je begegnet war.
An jenem Abend, in diesem stillen Zimmer, hörte ich auf, eine brave Frau zu sein.
Ich war eine lebendige, vibrierende Frau.
Ich bin immer noch Nathalie, 56 Jahre, Witwe, Mutter von drei Kindern, diskrete Bordelaise.
Aber jetzt weiß ich.
Ich weiß, dass weibliche Lust keine Fantasie ist und kein Luxus, der der Jugend vorbehalten ist.
Es ist ein Territorium zu entdecken, zu erkunden, mit Zartheit.
Ein Territorium, das ich lange ignoriert habe und das mich wie eine Selbstverständlichkeit aufgenommen hat.
Ich weiß nicht, was die Zukunft für mich bereithält.
Ich bin nicht sicher, ob ich jemanden kennenlernen möchte.
Aber ich weiß, dass ich lebe.
Und dass mein Körper ebenfalls ein zweites Leben verdient.
Manchmal finde ich abends mein kleines intimes Spielzeug, sowie andere, die die Sammlung ergänzt haben, auf meinem Nachttisch in einem Etui wie ein geheimes Schmuckstück.
Und ich lächle, während ich in den Himmel schaue.
Ein kleiner Schritt für mich, ein großes Zittern für meinen Körper!

